Verbale Gewalt

Veröffentlicht von Friedgard Mattlin am

Verbale Gewalt hat viele Gesichter

Die Wirkung von ausgesprochenen Worten ist wesentlich größer, als man zunächst glauben mag.

Im Volksmund spricht man z. B. auch von „Ratschlägen“ oder „Wortgefechten“. Sicher wurde jeder schon einmal durch Worte „verletzt“.

Warum? Es sind doch nur einfach gesagte Worte …

Worte sind nicht einfach nur Worte! Sie können

  • verletzten
  • beruhigen
  • heilen
  • lehren, usw.

Worte werden durch Schwingung übertragen. Diese hat nicht nur eine Wirkung auf das Trommelfell, sie wirkt auch auf den gesamten, menschlichen Körper, weil wir ca. zu 70% aus Flüssigkeiten bestehen. Es ist ja bekannt, dass Schwingung im Wasser sehr gut übertragen werden kann.

Jeder Wort-Schwingung liegt eine Bedeutung zugrunde. „Dummkopf“ hat eine ganz andere „Energie“, als etwa „Liebe“. Ein entscheidender Faktor dabei ist auch, WER etwas zu einem sagt. Spricht ein geliebter Mensch aus: „Du Dummkopf, das hab ich Dir doch schon so oft gesagt“, trifft uns dies wesentlich härter, als wenn es sich um eine fremde Person handelt.

Insofern tragen Erwachsene eine sehr große Verantwortung mit dem, was sie zu Kindern sagen. Jeder Satz ist von Emotionen begleitet, die durchaus schwingungsmäßig auf das Kind übertragen werden. Häufig geschieht das Aussprechen von „Urteil-Sätzen“ unbewusst. z. B.

  • „Jedes Mal muss ich auf Dich warten“ (Die Emotion: „Ungeduld“ und „Vorwurf“, „Ärger“)
  • „Dummerchen!“ (Emotion: mitleidig, nahe am Aufgeben, bist eben unbeholfen, hoffnungslos)
  • „Ich weiß, Du kannst das nicht …“ (Emotion: Gewissheit, dass das Kind eine Sache nicht kann, Hoffnungslosigkeit, bereits aufgegeben in dieser Sache)

Die Auswirkung dieser Sätze und Worte, die meist häufig wiederholt werden, zeigt sich darin, dass das Kind ebenfalls glaubt, dass es z.B. ein „Dummkopf“ ist oder etwas nicht kann und nie können wird.

Auf diese Weise entstehen

  • Blockaden
  • Minderwertigkeitsgefühle
  • Versagensängste usw.

Ich möchte niemand einen Vorwurf daraus machen, dass er schon einmal so etwas zu Kindern gesagt hat! Wir tun es wirklich unbewusst.

Was ist jetzt aber verbale Gewalt?

Wer das oben beschriebene jetzt weiter denkt und sich vorstellt, welches Gewaltpotenzial in der Sprache liegt, bekommt eine Ahnung davon, was das bei Kindern anrichten kann.

Natürlich sind es auch Kinder untereinander, die mit verbaler Gewalt umgehen. Ich höre das täglich vielfach auf dem Schulhof. Es scheint leider „normal“ zu sein. (Viele Schulen achten aber auch sehr auf den Umgangston. Leider kann dieser Sache aufgrund von Personalmangel und Überlastung des Lehrpersonals, meistens nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet werden). Sätze wie

  • „Du Wixer, verficktes Arschloch“
  • „Satansbrut, Judenschwein“
  • „Deine Mutter ist eine dreckige Hure“, höre ich häufig auf dem Pausenhof.

Das Meer an Worten und Sätzen ist groß und Kinder bedienen sich oft wie selbstverständlich und ungehindert daran.

Manchmal sehe ich kleinere Kinder weinen, weil ihnen z. B. gesagt wurde, sie seien eine „Missgeburt“. Nicht selten werden sie dann für ihre sensible Reaktion ausgelacht, und andere Kinder ergötzen sich an diesem Leid. Folglich empfindet das betroffene Kind eine tiefe Scham, die dann dazu führt, dass die Not nicht ausgesprochen, sondern „irgendwo im Kind verstaut wird“. Dies kann dann zu

  • Schulbauchweh
  • Lernrückschritten
  • Einschlafstörungen
  • Alpträumen führen.

Kinder lernen diese „Aussprache“ erst im Laufe der Zeit von außen. Sie ahmen nur nach, was ihnen vorgelebt wird. Es ist also klar, dass nicht die Kinder die ursprünglichen „Täter“ sind, sondern ihre Vorbilder.

Was kann man tun?

  • Zunächst auf sich selber schauen. Das ist die Voraussetzung dafür, sich der Bedeutung von Worten bewusst zu werden.
  • Aufmerksam sein, wie das Kind von der Schule/Kindergarten nach Hause kommt und ihm Raum geben, zu erzählen, was vorgefallen ist.
  • Auch, wenn es scheint, als sei das Kind zu empfindlich und würde überreagieren, trotzdem klar für das Kind Position beziehen.

Was ist, wenn das Kind in eine Krippe geht und sich nicht äußern kann?

Das ist ein echtes Problem! Ein Mensch speichert in seinen Zellen alles ab, was es erlebt, hört, sieht usw. Je kleiner das Kind ist, umso ungehinderter dringen Emotionen zu ihm vor. Ich kann nur raten, sich die Krippe und die dort arbeitenden Erzieher/innen genauestens anzusehen. Oft sind diese überlastet, unterbesetzt, so dass die Aufmerksamkeit nicht immer ausreicht, um sensibel genug mit den Kindern umzugehen.

Ich kenne die Situation sehr gut, auch als liebevolle und fürsorgliche Mutter neben allen Belastungen im Alltag nicht immer geduldig und präsent zu sein.

Ich kann aber allen Eltern, Erziehern und Lehrern Mut machen, denn ein Kind spürt genau, ob ein Erwachsener ein Kind willentlich im Stich lässt, ignoriert oder seiner Ungeduld Luft macht, oder ob es sich um bemühte, liebevolle Bezugspersonen handelt, die ihr bestmögliches für das Kind tun.

Das schließt nicht aus, dass Kinder auch in diesem Fall manchmal Schaden nehmen, weil einfach die äußeren Umstände zu belastend sind, um dem Kind durchgehend die nötige Aufmerksamkeit und Zeit schenken zu können.

Trotzdem möchte ich allen Lesen sagen, dass Kinder große Selbstheilungskräfte, Resilienzkräfte verfügen und damit die Möglichkeit haben, auch „Verletzungen“ im Laufe ihres Lebens vollständig zu verarbeiten und zu heilen.

  • In meinem Arbeitsgebiet Traumapädagogik habe ich mehr dazu geschrieben
  • In meinem Buch kannst Du über ein Kind lesen, das viele „Verletzungen“ in Schule und Alltag erlitten hat und wie es damit umgeht.

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