Trauma verstehen 3

Veröffentlicht von Friedgard Mattlin am

Jedes Trauma hat seine „(Vor-)Geschichte“

Die Reaktion auf mein Arbeitsgebiet „Traumapädagogik“ war groß und ich entschloss mich deshalb, auch noch einen dritten Teil zu verfassen.

Nachdem ich erklärt habe, was ein Trauma ist und auch, wie man wieder Hoffnung schöpfen könnte, gehe ich jetzt auf die sog. „Geschichte des Trauma“ ein.

Denkt mal an die Deutsche (und andere) Geschichte mit den Weltkriegen. Die Urgroßeltern unserer heutigen Jugendlichen waren mehr oder weniger allesamt dem Grauen des zweiten Weltkrieges  ausgesetzt, manche sogar auch dem ersten Weltkrieg.

Was bedeutet das? Wir leben doch jetzt!

Das hat eine sehr tiefe Bedeutung!

  • Wir Menschen speichern alle Erlebnisse in unseren Zellen ab. Dann werden sie an die nächste Generation vererbt.
  • Jeder Mensch hat die schönen und grausamen Erlebnisse seiner Vorfahren in seinem Körper abgespeichert.

Was macht das mit den Nachkommen?

Wenn ich beispielsweise in meine Familiengeschichte blicke, gibt es sowohl väterlicherseits als auch mütterlicherseits eine ganze Reihe traumatischer Ereignisse, deren Ursprung die Weltkriege waren. Geliebte Angehörige sind verschollen, Hunger, Armut, Gewalt, Existenz-Ängste usw. wurden erlitten. Mein Großvater z. B. kam aus dem Krieg zurück und ist mit den tief traumatischen Erlebnissen nicht „fertig geworden“. Er starb einige Zeit danach. Meine Oma erzählte mir später, dass er Krebs bekommen habe, weil er die fürchterlichen Ereignisse psychisch nicht bewältigen konnte.

Es gibt wirklich unzählige erschütternde Beispiele – in fast jeder Familiengeschichte!

Wie wirkt sich das auf die Nachkommen aus?

Ein Beispiel:

Angenommen, ein Familienvater kommt 1946 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Dies grenzt an ein Wunder, die Freude ist groß. Die Heimkehr ist aber überschattet vom Tot seines Kindes. Es ist an Mangelernährung und Entkräftung gestorben. Er war aufgrund seines Einsatzes nicht in der Lage gewesen, etwas für dieses Kind tun zu können – Das Haus steht nur noch teilweise. Im Winter frieren die Bewohner, weil es kein Heizmaterial gibt. – Der Vater schreit im Schlaf, von Alpträumen gequält, leidet unter Stimmungsschwankungen, spricht aber nicht über seine Erlebnisse, weil es unaussprechlich ist und weil er seine Familie damit nicht belasten will. Er findet keine Arbeit, hat ständige Kopfschmerzen, wird jähzornig und gegen die verbliebenen  zwei Kinder manchmal gewalttätig. Seine Frau vergewaltigt er des Öfteren. Das hilft ihm kurz über die Innere Not hinweg. …

Aufwachsen in einer Gewalt- und Mangel betonten, harten Welt

Unsere (Kriegs- und Nachkriegs -)Vorfahren wuchsen in einer Gewalt- und Mangel betonten Gesellschaft auf. Gefühle wie liebevolle Zuwendung und Geborgenheit waren aufgrund des Überlebenskampfes oft gar nicht möglich. Eine gesunde, friedvolle, sichere und anregende Umgebung konnten Eltern ihren Kindern in der Kriegs- und Nachkriegszeit kaum bieten.

Diese Generationen haben gelernt:

  • Man muss funktionieren, damit es weiter geht.
  • Wenn man Gefühle zeigt, schafft man‘s nicht
  • Wer jammert oder klagt, schafft sein Leben nicht
  • Trauer hat keinen Raum

Wo sind all diese Traumata hingekommen?

Sie sind in den wenigsten Fällen verarbeitet worden. Die oben geschilderten „Lernprozesse“ haben zu gewissen – teils ideologischen Mustern (Glaubenssätzen) geführt, (z.B.: wenn ich hart bin, kann ich überleben) welche in den meisten Fällen an die nächste Generation weiter gegeben wurden.

Wir finden noch heute solche und viele andere Folgen, deren Ursprung  in den gewaltbetonten, geschichtlichen Ereignissen einer ganzen Nation zu finden sind.

Ein trauriges Beispiel dafür:

Frauen gebaren noch bis in die 70ger Jahre hinein ihre Kinder, meist auf dem Rücken liegend, in Abwesenheit der Väter. Das Neugeborene, welches den Herzschlag der Mutter, ihre Gefühle und Stimmungen kannte und natürlicherweise tief mit der Mutter verbunden war , wurde ihr kurz nach der Geburt weggenommen und in ein Säuglingszimmer gelegt, um dann den Müttern alle 3 bis4 Stunden zum Stillen gebracht zu werden, was fast immer zum Versiegen der Muttermilch führte. Wenn das Neugeborene vor Angst, Einsamkeit, Hunger, Bauchweh o.a. schrie, galt dies als „Schreistunde, durch welche sich die Lungen angeblich ausbildeten“. –

Für heutige Verhältnisse eine beziehungslose, lieblose und völlig unnormale Vorgehensweise, die damals aber flächendeckend praktiziert wurde.

Ich zeige diese Geschehnisse hier skizzenhaft auf. Das heißt nicht, dass Eltern ihre Kinder nicht geliebt haben! Eltern haben immer Übermenschliches für ihre Kinder geleistet, um sie durch die lebensbedrohlichen Weltkriege und andere Krisen zu retten – nicht selten unter Aufopferung ihres eigenen Lebens! Ihnen gebührt aller Respekt und unser ganzes Mitgefühl für eine – häufig gänzlich entbehrte – friedvolle, sichere und liebevolle Vergangenheit.

Es gibt aber auch Ausnahmen: Wenn Eltern trotz aller Umstände begannen, eine innere Verarbeitung ihrer eigenen Kindheit in die Hand zu nehmen. Und das ist der Schlüssel zur Heilung!

Ich will es nochmals in einem Bild fassen:

Eine Pflanze braucht einen Boden, der ihren Bedürfnissen entspricht. Dann kann sie wachsen und gedeihen, herrliche Früchte bilden. Wenn aber der Boden schlecht und nährstoffarm ist, versucht sie trotzdem Früchte zu bilden, die aber kleiner und herber ausfallen. Diese Samen werden wieder in den Boden fallen, damit die Evolution weiter gehen kann. Ihre Früchte sind dann erneut klein und herb. Dann kommt ein Gärtner. Er weiß, dass diese Pflanze an einen sonnigen Standort gehört, setzt sie um, düngt sie, gibt ihr Wasser und freut sich an ihr, bis sie erneut Früchte bildet. Jetzt werden sie süßer und größer …

Wir alle haben einen „Gärtner“ in uns; er zeigt sich in den sog. Selbstheilungskräften, die Resilienzkräfte. In „Trauma verstehen Nr. 2“ habe ich über diesen Gärtner geschrieben.

Um Trauma wirklich verstehen zu können, bedarf es einiger Gedanken an die sog. „Geschichte des Trauma“, denn wenn wir verstehen, warum vielleicht unsere Eltern und Großeltern (und andere Personen) so oder so gehandelt haben; uns so oder so erzogen haben, kann es maßgeblich helfen, ein Trauma zu verarbeiten. In dem Buch „Kriegskinder- Erinnerungen einer Generation“ oder „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Sonya Winterberg und Yury Winterberg, ist erschütternd beschrieben, wie unsere Vor- und Vor-Vorfahren durch unsere Geschichte geprägt wurden.

Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich mit diesem Blog die Täter dieser Welt NICHT entschuldigen möchte! Ich möchte aber den Betroffenen sagen, dass der Blick „zurück“ zumindest in vielen Fällen, zu einer (Er)-Klärung dieser oft so zehrenden, brennenden Frage des „WARUM?“ (wurde mir dieses oder jenes angetan?) führen kann, denn ein unverarbeitetes Trauma wird in den allermeisten Fällen WEITER GEGEBEN.

Ich fühle eine große eigene Erschütterung angesichts des unaussprechlich großen Leides, welches unsere Vorfahren erduldet haben.

In einem Gedicht möchte ich dies Kund tun:

 

Generationenlied

Oh, Mütter – Väter

Die Erde weiß,

Welch wolkenhohes Leid

Ihr

Mit in die Gräber nahmt.

Oh, Mütter – Väter

Die Erde erzählt noch immer

Von ungeweinten Tränen –

Oh, Mütter – Väter

Die Erde kennt

Das ungehörte Leid,

Das Ungetrauerte

Aber jetzt

Oh Mütter – Väter

Fällt Sonnenlicht

Durch müdes Dunkel Unserer Seelen

Erhellt und wärmt –

Oh, Mütter – Väter

Dunkelnot

Steiget auf

Zum Licht und

Wir singen

Erlösung

(Friedgard Mattlin, 2018)


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