Kinder verstehen

Veröffentlicht von Friedgard Mattlin am

Kinder verstehen

In der Schule fühlen sich Kinder oft unverstanden. Das ist kein Wunder, wenn man berücksichtigt, dass ein Lehrer seine Aufmerksamkeit auf mindestens 21 Kinder pro Klasse richtet und dabei noch seiner Lehrtätigkeit nachgeht.

Was ist aber mit Kindern, die „anders“ sind und sich

  • still
  • ängstlich
  • aufmüpfig
  • frech
  • unruhig
  • desinteressiert

zeigen?

Seit ich in der Schule arbeite, fallen mir täglich Kinder auf, die „anders“ sind. Oftmals ist die Situation höchst dramatisch. Ein Kind bringt z. B. viel zu wenig Leistungen, stört den Unterricht, ist sozial isoliert usw..

Meist werden solche Kinder dann zu mehr Leistung angetrieben, bekommen Strafen, wenn sie den Unterricht zu oft stören, es gibt Elterngespräche, es entsteht Druck und Stress. Selten ist das Problem einfach so zu klären.

Aber wie kann es gehen?

Eines muss man mal vorweg sagen:

Kein Kind macht eine massive Unterrichtsstörung aus reiner Freude und Spaß. Selbst, wenn es für Außenstehende so aussieht, gibt es für solches Verhalten eine Ursache. Diese liegt oft tief im Verborgenen.

Kein Kind würde aus Spaß einfach zu wenig Leistung bringen (ich spreche nicht von pubertierenden Jugendlichen, welche ihre Leistung aus ihrem Prinzip heraus manchmal verweigern). Ein Kind beispielsweise, welches in einer Gruppe lernt, aber dem Unterrichtsstoff nicht folgen kann, leidet unsäglich.

Beispiel:

Ein Mädchen aus der 6. Klasse – ich nenne sie hier Lisa – war extrem auffällig. Sie schmiss Übungsblätter aus dem Fenster, zerstörte ihr Schulmaterial, rief mitten im Unterricht laut durch den Klassenraum usw. Es gab Strafen, es gab Elterngespräche, das Kind musste fast in jeder Stunde vor die Tür.

Die Lehrer waren verzweifelt, die Eltern ratlos. Lisa wuchs durchaus in einem gepflegten Elternhaus auf.

Als sie sich heimlich kurz vor der Pause wieder einmal in den Klassenzimmerschrank versteckte, blieb ich im Raum, holte ich sie dort heraus, als wir dann allein waren und versuchte mit ihr zu reden.

Ich sagte zu ihr, dass ich wüsste, dass sie „all diese Sachen“ nicht mit Absicht und aus Spaß täte. Ich würde daran glauben, dass sie ein ganz tolles Kind sei, aber in Not wäre.

Bald begann sie zu weinen und erzählte, dass ihre Mutter Krebs hätte. Außerdem sei früher ein Geschwisterkind als Baby in der Familie gestorben. Lisa dürfe aber über diese Dinge nicht sprechen. Ihre Eltern hätten gesagt, wenn man darüber spräche, würde der Krebs schlimmer werden.

Daraufhin bekam Lisa deutlich Angst, weil sie nun darüber gesprochen hatte. Zunächst konnte ich sie ein wenig beruhigen, indem ich ihr erklärte, dass es gute Geheimnisse und schlechte Geheimnisse gäbe. Ich würde ihr Geheimnis hüten und dass es niemals falsch wäre, sich einem Menschen anzuvertrauen, wenn man so viel Leid im Herzen trägt. …

Lisa kam später in psychologische Behandlung und weil sie leider unsere Klasse verließ – auf eigenen Wunsch – weiß ich nicht wie die Geschichte weiter gegangen ist.

Was will ich damit sagen?

Das Verhalten von Kindern ist immer vielschichtig. Meine Erfahrung ist, dass Kinder ihre Not damit ausdrücken, weil sie sonst keine Worte oder/und keinen Menschen finden, dem sie sich anvertrauen können. Ich habe zu oft beobachtet, dass solche Kinder innerhalb der Schule und manchmal zusätzlich im Elternhaus, für ihr Verhalten bestraft werden.

Es gibt so viele verschiedene Kindernöte, wie es Kinder gibt. Selten gleicht eine Not der anderen. Deshalb sind Vorurteilslosigkeit und Feingefühl wichtig, um einem Kind zu helfen.

Leider sind die Schulen oft personell zu schlecht besetzt. Lehrer haben keine Zeit und oft auch keine Kraft, eine echte Beziehung zu den Schülern aufzubauen. Dadurch wird das Verhalten des „Störenfrieds“ häufig nach außen abgegeben, wo dann fachlich gut geschulte Menschen sind, die aber lange brauchen, bis das Kind ihnen Vertrauen schenkt. Häufig sind große Angst und Schuldgefühle bei betroffenen Kindern vorhanden, die es ihnen unmöglich machen, ihr Leid einfach einem „Fremden“ zu offenbaren.

Was kann man tun?

Das ist schwierig. Ich mache es so, dass ich mich immer auch um einzelne Kinder in der Klasse kümmere. Dafür habe ich oft keine Pause. Manchmal gibt es Lehrer, die trotz aller Zeitnot eine persönliche Beziehung zu den Schülern aufbauen. Dies ist dann in jeder Hinsicht segensreich, wenngleich diese Bereitschaft auch ihren Preis hat, nämlich auf Dauer Überarbeitung.

Grundsätzlich würde ich sagen: was man tun kann ist, in jedem Fall zu versuchen, eine persönliche Beziehung zum Schüler, zum Kind aufzubauen.

Ich habe hier das Beispiel in der Schule genommen, weil dies authentisch ist und ich in der Schule arbeite. Das Gleiche gilt aber auch für jede andere Situation. Sei es im Sportverein oder oder …

Man muss nicht Psychologie studiert haben, um das Vertrauen eines Kindes zu gewinnen. Meine Erfahrung ist, dass es meist dann möglich ist, wenn ein „Helfer“ liebevoll, mitfühlend, geduldig und warmherzig mit einem Kind umgeht.

Es wäre so schön, wenn Kinder ein wenig mehr Verständnis für ihre Nöte entgegengebracht würde. Allein dadurch könnte man viel Kinderleid lindern.

Allein, wenn Erwachsene aufmerksam und unvoreingenommen Kindern begegnen ist schon sehr viel gewonnen.


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